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Paartraits 2010

Pairents seit 2010

Die Fotoserie „Pairents“ stellt unsere Sehgewohnheiten auf den Kopf und bildet, ähnlich wie die überraschende „Paartrait“-Reihe, Menschen jenseits der Wirklichkeitstreue ab. Die Fotos zeigen Personen, die so nicht und so nicht real existieren. Erst durch das analoge Verfahren der Doppelbelichtung verschmelzen die Porträts zweier Menschen auf einem Stück Film zu einem Gesicht und erwachen so zu neuem Leben.

Während die „Paartraits“ Personen abbilden, die sich freiwillig zu Paaren formierten, zeigen die „Pairents“ Menschen, die miteinander verwandt sind. Die Fotos gewähren erstaunliche Einblicke in die Zukunft, wenn der ältere Bildanteil den jüngeren dominiert. Glättet der junge Bildanteil die Spuren des Alters, erlebt der ältere Mensch eine Verjüngung.

Die Fotos der gleichgeschlechtlichen Generationenfolge liefern auch Antworten auf die Fragen, ob und inwieweit Ähnlichkeiten zu Eltern und Großeltern bestehen. Die Ergebnisse dieser Doppelbelichtungen sind kaum vorhersehbar; das macht ihre Spannung aus und weckt die Neugierde beim Betrachter. Die Fotoserie „Pairents“ wirft zugleich einen Blick nach vorne und zurück. Sie setzt unsere Einbildungskraft in Gang.

Ralf Kessenich

Paartraits seit 2008


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Vom Ich zum Wir, vom Wir zum Ich Zu den „Paartraits“ des Fotokünstlers Christian Klopp  Das Portrait im Lichtbild kann alle möglichen Aufgaben erfüllen. Es kann der Identifizierung dienen – wie beim Passbild oder Fahndungsfoto. Es kann sich auf die Suche nach Persönlichkeit machen – wie bei der Charakterstudie. Es kann Glamour vermitteln – wie beim Modefoto. Oder – wie in der Werbung – ein Ideal entrückter Schönheit transportieren. Der 1963 geborene, bei Hamburg lebende Christian Klopp nähert sich als Künstler dem Portrait, als Suchender, der – die Möglichkeiten seines Mediums nutzend – die Grenzen des Portraits zu erweitern sucht. Fotogeschichtlich knüpft Klopp, der hauptberuflich als Film-Kameramann tätig ist, bei der experimentellen Fotografie der 1920er und 30er Jahre an, als Kreative wie Man Ray, Claude Cahun oder Maurice Tabard neue Wege im Portrait beschritten. Nicht mehr um Ähnlichkeit, Persönlichkeit oder Schönheit ging es jetzt, sondern um bis dato ignorierte Seiten unseres Wesens, unserer Existenz. Psychoanalyse und Surrealismus hatten den Weg gewiesen. Strategien wie Mehrfachbelichtung, Fotomontage oder Solarisation wurden erprobt, um dem Verborgenen, Vertrackten in uns nachzuspüren: Tiefenbohrungen mittels Kamera und Film.

Technisch beschreitet auch Christian Klopp neue Wege. Zwar ist die Doppel- oder Mehrfachbelichtung annähernd so alt wie die Fotografie selbst. Mit Blick auf das Portrait, das Menschenbild kommt sie hier –jedenfalls in dieser Konsequenz –zum ersten Mal zum Einsatz. Als Kamera dient Klopp eine Nikon FE2, die der Fotograf mit einer  Gittermattscheibe ausgerüstet hat, wie sie üblicherweise bei der Architekturfotografie Verwendung findet. Ein Objektiv mittlerer Brennweite (85 mm), ein aufgesetzter Blitz, ein handelsüblicher Kleinbildfilm (Ilford FP4) sind weitere technische Koordinaten auf dem Weg zu verblüffenden Bildern in Schwarzweiß. In seiner „Paartraits“ überschriebenen Serie kopiert Klopp jeweils zwei Gesichter passgenau übereinander. Nicht in der Dunkelkammer, sondern gleich in der Kamera, also erst einmal – buchstäblich –im Verborgenen. Konkret fotografiert Klopp zunächst die eine Person, close-up und vor neutralem (hellem oder dunklem) Hintergrund und ohne den Film anschließend weiter zu transportieren. Eine zweite Person wird nun in der gleichen Weise aufgenommen, ohne dass der Fotograf (wohlgemerkt: wir befinden uns in der analogen Welt) das Ergebnis seines Handelns vor Ort überprüfen könnte. In der Regel zehn Aufnahmen genügen. Ein technisch, ästhetisch, konzeptionell befriedigendes Bild ist immer dabei, wobei der Zufall –wie bekanntlich im Surrealismus auch eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Klopp setzt auf das Unvorhergesehene, die Überraschung – beim Fotografieren wie später beim Betrachten. Es sind Bekannte, Freunde, in jüngerer Zeit auch Fremde, die Christian Klopp vor die Kamera bittet: Stets Mann und Frau, Vater und Sohn, Mutter und Tochter: Paare eben.

Indem Klopp ihre Gesichter – immer in strenger Draufsicht, nüchtern und in Nahsicht – erfasst und  übereinander kopiert, stiftet er ein synthetisches Bildnis, das zunächst verblüfft, irritiert und damit zum genauen Hinschauen zwingt. Was sehen wir hier eigentlich? Zunächst zwei Menschen, die einschließlich ihrer Attribute (Schmuck, Brille, Haartracht, Bart) im Negativ  und dann im Abzug zu einer Physiognomie verschmelzen. Es sind Menschen, zwischen denen es eine – entweder genetische oder soziale – Brücke gibt. Deren Existenz sich durch Verwandtschaft bzw. Nähe, Biologie oder ein womöglich über Jahrzehnte gemeinsam bewältigtes Leben auszeichnet. Klopps Aufnahmen sind ein Versuch, dieses Gemeinsame über das Porträt zu visualisieren. Aus dem „Ich“ wird ein „Wir“ – mit zum Teil verstörenden Konsequenzen. Christian Klopps 2008 begonnene Serie stellt Fragen grundsätzlicher Natur. Wer oder was bin ich? Wer sind wir? Zählt nur der Einzelne? Oder gibt es uns nur im Dialog mit einem Gegenüber? Definieren wir uns ausschließlich als Individuum? Oder ist es nicht vielmehr das Verhältnis zu einem nahen Anderen, das uns formt, das unser Sein bestimmt und letztlich unsere Erscheinung prägt? Es sind Fragen wie diese, die Christian Klopp mit seiner Fotografie aufwirft. Schlicht Daseinsfragen – und hier zum ersten Mal in dieser Art und Weise auf den Punkt gebracht.

Hans-Michael Koetzle, München

 

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